ehrenpreis

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Adlergestell oder Wie ich einmal einen Thriller erfinden wollte

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Nehmen wir mal an …

… ich komme eines Tages auf die Schnapsidee, einen Thriller zu schreiben. Nur so, nur für mich. Ob dabei ein Buch entsteht oder ein Hörspiel oder ein Drehbuch ist gleichgültig. Höchstwahrscheinlich entsteht weder das eine noch das andere noch irgendetwas. Aber ich tu mal so, als ob ich einen Thriller schreibe. Hier in meinem Blog schreibe ich auf, wie ich vorgehe und wie ich scheitere.

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Written by ehrenpreis

Februar 4, 2012 at 7:58 pm

Veröffentlicht in How-to-write

Redesituationen und Kuckzweck

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Kleist (1) erzählt die Geschichte so: der  Revolutionär Mirabeau wird im Auftrag des (Noch-)Königs gefragt, wann er mit seinen Leuten der königlichen Anordnung folgen würden, den Sitzungssaal der Ständeversammlung zu verlassen. Kleist: »Ja«, antwortete Mirabeau, »wir haben des Königs Befehl vernommen« – ich bin gewiß, daß er, bei diesem humanen Anfang, noch nicht an die Bajonette dachte, mit welchen er schloß: »ja, mein Herr«, wiederholte er, »wir haben ihn vernommen« – man sieht, daß er noch gar nicht recht weiß, was er will. »Doch was berechtigt Sie« – fuhr er fort, und nun plötzlich geht ihm ein Quell ungeheurer Vorstellungen auf – »uns hier Befehle anzudeuten? Wir sind die Repräsentanten der Nation.«
Und dann zitiert Kleist die mächtigen Sätze, mit denen Mirabeau den königlichen Zeremonienmeister runterputzt.
Kleist weiter: »Man liest, daß Mirabeau sobald der Zeremonienmeister sich entfernt hatte, aufstand, und vorschlug: 1) sich sogleich als Nationalversammlung, und 2) als unverletzlich, zu konstituieren. Denn dadurch, daß er sich, einer Kleistischen Flasche gleich, entladen hatte, war er nun wieder neutral geworden, und gab, von der Verwegenheit zurückgekehrt, plötzlich der Furcht vor dem Chatelet, und der Vorsicht, Raum.«
»Dies ist eine merkwürdige Übereinstimmung zwischen den Erscheinungen der physischen und moralischen Welt, welche sich, wenn man sie verfolgen wollte, auch noch in den Nebenumständen bewähren würde. Doch ich verlasse mein Gleichnis, und kehre zur Sache zurück.«

Mich interessiert, ob Kleist sich an anderer Stelle mit dieser »…merkwürdige(n) Übereinstimmung zwischen den Erscheinungen der physischen und moralischen Welt…« befasst hat.

Einem Mann, dem man aus therapeutischen Gründen die Nervenverbindung zwischen den Gesichtsnerven und dem Gehirn unterbrechen musste konnte weiterhin einwandfrei artikulieren; selbst als man ihn bei einem Test durch einspielen von weißem Rauschen jede akustische Verbindung zu seinen eigenen Sprachäußerungen nahm, artikulierte er normal.
»Das Beispiel zeigt, dass es im Gehirn Nervenzellen gibt, die unabhängig von den äußeren Sinnesimpulsen der Körpereigenwahrnehmung und der akustischen Signale tätig sein können. Solche Nervenzellen sind dann bereit, auf die Impulse des Gehirns stärker einzugehen. Die unglaubliche Selbstorganisationsleistung des menschlichen Gehirns findet in solchen Zellen ihren Ansatzpunkt. Gäbe es diese Zellen nicht, könnten interne Rückkopplungsschleifen ihre Effekte nicht so präzise auslösen, da die angezielten und die anzielenden Nervenzellen mit der externen Informationsverarbeitung bereits weitgehend belegt wären. Die menschliche Sprechmotorik mit ihren steuernden Neuronen stellt einen archimedischen Punkt bzw. ein «archimedisches Netzwerk» für die Weiterentwicklung von Komplexitätsstufen der Kognition dar. Für die Risikoeinschätzung ziehen wir uns auf den Innenraum zurück und schreiben der Außenwelt das Risiko zu.« (2)

Weil wir das, was wir sprechen können auch ohne zu sprechen denken können, sind wir fähig, komplexe kognitive Operationen auszuführen – »nur im Kopf«. (Die Gedanken sind frei!).
Aber solche Gedanken, die wir nicht sprechen können (z.B. weil wir uns die passende Redesituation nicht vorstellen können) können wir auch nicht denken.
Vielleicht schaut mancher, der wenig erlebt, gerne Fernsehen, weil er sich dann Rede-Situationen ausdenken kann, die er sich ohne Fernsehen nicht ausdenken und darum manche komplexe kognitive Operation nicht ausführen kann.

Ich vermute, dass besonders die Werbung diesen Kuckzweck nutzt.

(1) Heinrich von Kleist (1805), Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden
(2) Linke, Detlef Bernhard: Religion als Risiko : Geist, Glaube und Gehirn Reinbek bei Hamburg 2003

Written by ehrenpreis

September 6, 2011 at 9:43 am

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