ehrenpreis

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Was tust du, Gertrud?

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Neulich, also vor ein paar Jahren, fragte mich meine Schwester, ob ich verstehen könnte, was die Tauben gurren?
Nein, nicht. Vielleicht so ‚Gurr-gurr-gur‘? Sagt meine Schwester: Wenn du genau hinhörst, dann gurren die Tauben so: ‚waas toost-tu görtruut‘  (Was tust du, Gertrud?)

Probier es aus, es stimmt.

Der Winter ist vorbei und seit einigen Tagen gurren wieder die Tauben vor meinem Balkon.

Und seit neulich kann ich sie alle unterscheiden. So höre ich, dass unter den Tauben, die in diesem Frühjahr bei mir in der Pappel sitzen, andere sind, als die im vorigen Jahr hier waren.

Denn seit ich weiss, ‚was‘ die Taube gurrt, kann ich unterscheiden, ‚wie‘ sie gurrt. Jede hat ihre individuelle Aussprache.
Wäre ich dabei stehen geblieben, die jedenTaube lediglich ‚gang-grrru-guruú-u‘ (http://de.wikipedia.org/wiki/Stadttaube) gurren zu hören, so wäre mir die Unterscheidung schwer, denn ich könnte die Differenz zur Gurre-art (hier brauchts doch einmal den ‚Deppentrennstrich‘) der anderen Taube nicht verstehen.

Differenzen zwischen der Ausdrucksweise beim Sprechen bestimmter Sätze, vor allem von Fragesätzen sind höchst bedeutsam. Wenn meine nicht selten mißlaunige Mutter durch die Wohnung rief: ‚Was tust du, Gertrud?‘ dann wussten auch wir als Geschwister von Gertrud, was die Uhr geschlagen hatte.

Philosophisch gewendet:
Ich habe zwischen dem Taubengurren schon immer Unterschiede wahrgenommen. Tauben gurren mal so und mal so. Seit ich aber dem Taubengurren einen Sinn ablauschen kann, kann ich diese Unterschiede beschreiben, das heißt ich kann die Unterschiede differenzieren.
Unterschied und Differenz. Ich bediene mich einer Erörterung der beiden Begriffe in ‚Nichts und Zeit‘ *).

«Selbstredend ist das, was auf Anhieb Unterschied genannt wurde, genau genommen vielerlei: Verschiedenheit, Kontrast, Divergenz, Disproportion, Distanz, Andersheit, Abweichen und Abheben, Gegensatz, Dissonanz, Dissens, Dissimination usw. usf.»

Erst wenn man die unterschiedlichen Unterschiede ‚heraushören‘ kann, ist man in der Lage, Differenzen zu erkennen und um Unterschiede zu unterscheiden muss man sich denken können, um welche Differenzen es gehen könnte.
Dann entwickelt man eine Theorie – und die muss natürlich falsifizierbar sein. Ob man dann aber seine Theorie wirksam falsifiziert, das hängt davon ab, wie korrupt, rechthaberisch und müde man ist.

*) Schmidt, Hartwig Nichts und Zeit. Metaphysica dialectica – urtümliche Figuren Felix Meiner Verlag Hamburg 2007 ISBN 978-3-7873-1840-7

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Written by ehrenpreis

März 10, 2011 at 6:07 pm

Veröffentlicht in Alltagsphilosophie, Konstruktivismus

Der Tisch des Philosophen

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Ein Tisch ist ein Tisch
oder
der Tisch des Philosophen

«Immer derselbe Tisch», sagte der Mann, «dieselben Stühle, das Bett, das Bild. Und dem Tisch sage ich Tisch, dem Bild sage ich Bild, das Bett heißt Bett, und den Stuhl nennt man Stuhl. Warum denn eigentlich?» (*Peter Bichsel, Ein Tisch ist ein Tisch. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995.) Mit dem Mut der Verzweiflung bennent der alte Mann in Peter Bichsels Geschichte den Tisch um. Er nennt ihn Teppich. Und den Teppich nennt er Schrank und den Schrank nennt er Zeitung u.s.w.

Es ändert sich nix an der Welt, aber er kann sich mit den anderen Leuten nicht mehr verständigen.

Die Idee, die Gegenstände in seinem Zimmer umzubenennen entspringt einem Mutwillen aus Langeweile und der Beliebigkeit der Namen. Wie Bateson und Jackson einmal bemerkten, »hat die Zahl 5 nichts besonders Fünfartiges an sich und das Wort ›Tisch‹ nichts besonders Tischähnliches« (Bateson, Gregory, Don D. Jackson: »Some Varieties of Pathogenic Organization)«

Das klingt lustig; aber so ganz ohne ist der „Tisch“ nicht. Den Rest des Beitrags lesen »

Written by ehrenpreis

Januar 15, 2011 at 8:42 am

Veröffentlicht in Konstruktivismus, Philosophie

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