ehrenpreis

Der Tisch des Philosophen

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Ein Tisch ist ein Tisch
oder
der Tisch des Philosophen

«Immer derselbe Tisch», sagte der Mann, «dieselben Stühle, das Bett, das Bild. Und dem Tisch sage ich Tisch, dem Bild sage ich Bild, das Bett heißt Bett, und den Stuhl nennt man Stuhl. Warum denn eigentlich?» (*Peter Bichsel, Ein Tisch ist ein Tisch. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995.) Mit dem Mut der Verzweiflung bennent der alte Mann in Peter Bichsels Geschichte den Tisch um. Er nennt ihn Teppich. Und den Teppich nennt er Schrank und den Schrank nennt er Zeitung u.s.w.

Es ändert sich nix an der Welt, aber er kann sich mit den anderen Leuten nicht mehr verständigen.

Die Idee, die Gegenstände in seinem Zimmer umzubenennen entspringt einem Mutwillen aus Langeweile und der Beliebigkeit der Namen. Wie Bateson und Jackson einmal bemerkten, »hat die Zahl 5 nichts besonders Fünfartiges an sich und das Wort ›Tisch‹ nichts besonders Tischähnliches« (Bateson, Gregory, Don D. Jackson: »Some Varieties of Pathogenic Organization)«

Das klingt lustig; aber so ganz ohne ist der „Tisch“ nicht. Sartre:«Als sinnliches Bezugszentrum ist der Körper das, jenseits dessen ich bin, insofern ich unmittelbar bei dem Glas oder dem Tisch oder dem fernen Baum, den ich wahrnehme, anwesend bin.» (Jean-Paul Sartre, Sein und Nichts, S.576)

Der Tisch als sinnliches Bezugszentrum macht aus der Fleischmasse, die meinen Namen trägt, einen Körper: Ein Körper ist insofern Körper, als sich diese Fleischmasse, die er ist, durch den Tisch, den er betrachtet, den Stuhl, nach dem er greift, das Trottoir, auf dem er geht usw., definiert. (Jean-Paul Sartre, SuN, 607)

Und dann drückt mir der Tisch die Hand: Die Hand liegt auf dem Tisch und „empfindet“ einen Druck, (…). Das alles ist wahrgenommen und gehört zugleich zur Leibeswahrnehmung. (Husserl, Edmund: Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Texte aus dem Nachlass 1893-1912)

Damit nicht genug. Ein unbefangener Mensch weiß sich vom Tisch angeblickt: Zu betonen, daß wir damit nicht behaupten, daß er von Stuhl, Tisch oder Bild effektiv gesehen werde, ist überflüssig. Was wir behaupten, ist allein, daß es zu seiner unbefangenen „Weltanschauung“ gehöre, sich als „von der Welt angeschaut“ zu betrachten. (…) Der Gedanke, daß der Stuhl, auf dem wir zu sitzen pflegen; der Tisch, an dem wir täglich schreiben; ja sogar unser Spiegel uns noch niemals gesehen haben und uns nicht kennen; (…) und daß wir, von einer Welt stockblinder Dinge umringt, sehend-ungesehen unser Leben zu absolvieren haben — dieser Gedanke ist von so abenteuerlicher Befremdlichkeit, daß man geradezu „Luft von anderen Planeten“ zu spüren vermeint und sich nur schwer des Gefühls erwehren kann, sich die gespensterhaften Lebensbedingungen auf einer verdunkelten anderen Welt vor Augen geführt zu haben. (Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution; C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung München 1956; S.79)

Jetzt können wir fragen: wer ist der Tisch?

«Es ist sinnenklar, daß der Mensch durch seine Tätigkeit die Formen der Naturstoffe in einer ihm nützlichen Weise verändert. Die Form des Holzes zum Beispiel wird verändert, wenn man aus ihm einen Tisch macht. Nichtsdestoweniger bleibt der Tisch Holz, ein ordinäres sinnliches Ding. Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich-übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen anderen Waren gegenüber auf den Kopf und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne.» (Karl Marx, MEW XXIII, 85)


Ist der Tisch ein übersinnliches Ding? Zeigt sich vielleicht im Traum seine Wahrheit?

Tische, gedeckte Tische und Bretter sind gleichfalls Frauen, wohl des Gegensatzes wegen, der hier die Körperwölbungen aufhebt. »Holz« scheint überhaupt nach seinen sprachlichen Beziehungen ein Vertreter des weiblichen Stoffes (Materie) zu sein. Der Name der Insel Madeira bedeutet im Portugiesischen: Holz. Da »Tisch und Bett« die Ehe ausmachen, wird im Traum häufig der erstere für das letztere gesetzt und, soweit es angeht, der sexuelle Vorstellungskomplex auf den Esskomplex transponiert. (Freud, Sigm.: Gesammelte Schriften Zweiter Band Die Traumdeutung; Leipzig, Wien, Zürich 1925)

Der Baier sagt: «Hoiz vor da hüttn ham» und würdigt damit eine barocke Weiblichkeit. Ist der Tisch so gedeutet, dann fragen wir mal Hegel, warum er als Beispiel für ein ‚abgeschmacktes negativ-unendliches Urteil‘ anführt: «… also z.B. der Geist [ist] nicht rot, gelb usf., nicht sauer, nicht alkalisch usf., die Rose ist kein Elephant, der Verstand ist kein Tisch und dergleichen. »(Georg Wilhelm Friedrich Hegel Wissenschaft der Logik – c. Das unendliche Urteil S.324)

Der Verstand ist kein Tisch? Der Verstand ist auch kein Tintenfass, kein Dochtschneider, kein werweißwassonst noch beim Hegel rumstand und rumlag… Was bringt ausgerechnet Verstand und Tisch zueinander? (Tisch = Holz = Mater-ie = weiblich?). «Man läßt aus derselben Materie eine Vielheit von Dingen hervorgehen, die Idee dagegen soll nur ein einziges Mal erzeugen; in Wirklichkeit kommt aus einer Materie nur ein einziger Tisch; der aber, der die Form heranbringt, ist selbst nur einer und wird doch der Urheber einer Vielheit. Ganz ähnlich ist es im Verhältnis des Männlichen zum Weiblichen.» (Aristoteles, Metaphysik.)

Ein Tisch ist ein Tisch. Von wegen!«Nur durch das Vergessen jener primitiven Metapherwelt, nur durch das Hart- und Starrwerden einer ursprünglichen, in hitziger Flüssigkeit aus dem Urvermögen menschlicher Phantasie hervorströmenden Bildermasse, nur durch den unbesiegbaren Glauben, diese Sonne, dieses Fenster, dieser Tisch sei eine Wahrheit an sich, kurz nur dadurch, dass der Mensch sich als Subjekt, und zwar als künstlerisch schaffendes Subjekt, vergisst, lebt er mit einiger Ruhe, Sicherheit und Konsequenz: wenn er einen Augenblick nur aus den Gefängniswänden dieses Glaubens heraus könnte, so wäre es sofort mit seinem »Selbstbewusstsein« vorbei.» (Nietzsche F. (1873) Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn. In: Colli & Montinari (1980) KSA 1, S. 881)

Hart und starr müssen die Phänomene werden, eine Wahrheit an sich – sonst ist es mit dem Selbstbewusstsein vorbei!
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Written by ehrenpreis

Januar 15, 2011 um 8:42 am

Veröffentlicht in Konstruktivismus, Philosophie

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Eine Antwort

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  1. Jetzt weiß ich endlich, weshalb ich ständig vom Bett zum gedeckten Frühstückstisch, von dort zum Schreibtisch und so fort von Tisch zu Tisch zum Bett wandle. Und weshalb meine Frau es schätzt, wenn ich von ihr gedeckte Festtagstische fotografiere.

    apanat

    Januar 16, 2011 at 5:29 pm


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